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Irina Korschunow: „Von Juni zu Juni“ (Rezension)

Eine genaue Beobachterin von Frauen und ihren Lebenswelten , oft geprägt von traditionellen Rollen und dem Kampf gegen diese, ist die 2013 gestorbene Schriftstellerin Irina Korschunow. In „Langsamer Abschied“ schildert sie den Konflikt einer Frau, die nach der Trennung von ihrem Mann zurückkehrt, weil dieser schwer erkrankt ist, „Der Eulenruf“ handelt von der späten Flucht aus einem Provinzort und „Das Luftkind“, das vom Drama um eine uneheliche Beziehung berichtet, wird von der Literaturkritik als moderne Version von Effie Briest gelobt.

In diese Reihe gehört auch der Roman „Von Juni zu Juni“, der deutlich macht, dass Frauen auch noch in den Zeiten von APO und Feminismus Schwierigkeiten hatten, sich von überkommenen Vorstellungen, wie eine Frau sein soll, zu lösen.

Erzählt wird von Linda und Philipp, die sich als Studenten in der Universität München kennen und lieben lernen. Sie studiert Soziologie und ist vom Geist der beginnenden Studentenrevolution beseelt, möchte die Welt ändern. Philipp hingegen, der Architektur studiert, ist schon in jungen Jahren ein pragmatischer und geschäftsorientierter Charakter. Gleichzeitig besticht er durch seinen Charme.

Immer mehr entfernt sich Linda von ihren Idealen, sie ordnet sich den beruflichen und geschäftlichen Zielen ihres Mannes unter, zu Anfang noch als gleichberechtigte Partnerin, später ausschließlich als Ehefrau und Mutter.  Sie mutiert zur Frau an der Seite eines erfolgreichen Mannes. Beide geben nach außen ein gutes Bild ab, doch allmählich bröckelt die Fassade. Philipp geht fremd, sieht darin aber nichts Besonderes  („ich kehre doch immer zu dir zurück“), während Linda an die ewige Treue glaubt. Schließlich resigniert sie auch und beginnt mehrere Affären. Zur Katastrophe kommt es, als eines Tages die gemeinsame Tochter Esther verschwunden ist. Verdächtigungen über einen sexuellen Missbrauch durch den Vater machen die Runde, und die Geschäftspraktiken von Philipp in Bezug auf Bestechung geraten ebenfalls an die Öffentlichkeit.

Irina Korschunow beschreibt diesen Untergang einer gutbürgerlichen Familie aus den besseren Kreisen mit dem für sie charakteristischen Stil, unprätentiös, fließend, geprägt von Bedächtigkeit, wenig Ausschmückung und selten emotionaler Ausschweifung. Dabei entfaltet sie einen erzählerischen Sog, dem man sich nicht mehr entziehen kann – kurz gesagt eine mehr als empfehlenswerte Lektüre.

Andreas Meistermann

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