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Mascha Kaléko: „In meinen Träumen läutet es Sturm“ (Rezension) BLOG Buch Reviews 

Mascha Kaléko: „In meinen Träumen läutet es Sturm“ (Rezension)

Nachdem ich schon mit Japan ein für mich neues Literaturland entdeckt habe, bin ich durch die Lesung  mit Texten von Mascha Kaléko im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kornlese“ auf ein weiteres Gebiet der Literatur gestoßen, das  für mich noch nicht so im Fokus stand: Lyrik. Und glücklicherweise  bin ich dabei auf Verse gestoßen, die mit konkreten Erfahrungen verbunden sind, einfach voller Leben und Alltagserfahrung stecken. Mascha Kalékos Lyrik ist unverkrampft, gegenwartsnah, humorvoll und dabei gleichzeitig voller Gefühl.

Einen guten Einblick in das Werk der 1907 im galizischen Chrzanów  ( Damals zur Kaiserlich und Königlichen Monarchie Österreich-Ungarn gehörend und heute in Polen liegend) geborenen und 1975 in Zürich verstorbenen Autorin gibt der im DTV-Verlag erschienene Band „In meinen Träumen läutet es Sturm“. Er beinhaltet Gedichte und Epigramme aus dem Nachlass.

Das Buch  beginnt mit gefühlvollen Liebesgedichten.  So heißt es in „Solo für Frauenstimme“: „Wenn du fortgehst, Liebster, wird es regnen, Klopft die Einsamkeit mich zu besuchen“.  Prägnanter  kann man Liebesschmerz wohl kaum auf den Punkt bringen.

Doch es gibt auch andere, heitere Momente. Sie handeln beispielsweise von der „buckligen“ Verwandtschaft, die man sich nicht aussuchen kann. Auf den Punkt gebracht ist auch das Gedicht „Gruß aus Davos“, das von einem Aufenthalt im dortigen Lungensanatorium inspiriert wurde: „Er aß und trank, er aß und las Sein Vaterländisch Blatt/Und in der Küche heißt man ihn Den Herrn von Nimmersatt/Mit diesem Individuum Wohn ich nun Tür an Tür – Und hustet es von nebenan, So sehn ich mich nach dir…“.

Als Jüdin im Deutschland  der bewegten 1920er und 1930er Jahren kennt Mascha Kaléko, die 1938 vor den Nazis floh,  auch das Gefühl des Fremdseins. Davon handeln folgende Zeilen:  „Die Herren offerierten Haus und Hof, Um mir die Zukunft rosig zu gestalten…Da aber kam der Wanderer, bestaubt, Und als er sprach, begann mein Herz zu singen… Er hatte nichts als seine wilden Träume“.

Bitter wird der Ton im Exil: „Wie kommt es, daß wir noch lachen, Daß uns noch freuen Brot und Wein, Daß wir die Nächte nicht durchwachen, Verfolgt von tausend Hilfeschreien“.  Es stammt aus dem Gedicht „Zeitgemäße Ansprache“. Mascha Kaléko weiß als Davongekommene vom Schicksal ihres Volkes, von denen, die es nicht geschafft haben, aus Europa zu fliehen.

Zur Ruhe kommt sie in Israel, ihrer neuen Heimat nach dem Exil in den USA, auch nicht, denn der junge Staat ist immer wieder durch seine arabischen Nachbarn von Krieg bedroht. Dazu passt das Gedicht „Zeit gemäße Morgenandacht“, das  gleichfalls zur aktuellen Weltlage passt; „Noch vor dem Frühstück, dem Traum kaum entronnen, Überfliege ich, mit gesenkten Schwingen, das Wesentliche im Morgenblatt. Mindestens eine Flugzeugentführung, Diverse Versuche mit todsicheren Strahlen. Aufruh. Erpressung. Und Inflation…“.

Trotz ihrer Erfahrungen mit dem Nazi-Regime ist bei Mascha Kaléko eine Sehnsucht nach Deutschland geblieben, das sie nach dem Zweiten Weltkrieg besucht. Die Reise führt sie nach Berlin, wo sie lange lebte. Ihre Eindrücke hielt sie unter anderem in dem Gedicht „Bleibtreu heißt die Sprache“ fest. „Vor fast 40 Jahren wohnte ich hier… Hier war mein Glück zu Hause… Hier kam mein Kind zur Welt. Und mußte fort. Hier besuchten mich meine Freund Und die Gestapo“.

Auf den Punkt gebracht gehört Mascha Kaléko zu den deutschen Autorinnen aus bewegter Zeit, die eine Wiederentdeckung lohnen.

Andreas Meistermann

 

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