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DER KUNSTVEREIN NORDHORN E.V. BESUCHT …

… die Cranach Ausstellung im Kunstpalast Düsseldorf

Ernst und melancholisch blickt Lucas Cranach den Betrachter auf einem seiner wenigen Selbstporträts an. Was bewegt den Künstler, 59 Jahre alt geworden, was denkt er, auf dem Zenit seiner Kunst angekommen, über die Welt, die sich zu seiner Zeit im Umbruch befindet, ausgelöst durch die reformatorische Bewegung, an der er mit vielen seiner Bilder beteiligt ist? Vielleicht ist er verzweifelt an den vielen großen Hoffnungen, die mit der Reformation verbunden waren, und die an den Machtverhältnissen und dem Denken der Menschen seiner Zeit vielfach gescheitert sind. Vielleicht fühlt er auch das Ende des Lebens, denn mit 59 Jahren hat er schon ein für damalige Verhältnisse hohes Alter erreicht. Mit diesem Bild beginnt die Ausstellung „Cranach Meister Marke Moderne“, die noch bis zum 30. Juli im Museum Kunstpalast in Düsseldorf zu sehen ist. Vorgestellt wird einer der bedeutendsten deutschen Maler, der ein für seine Zeit neues Frauenbild schuf, der Figur des Jesus eine menschliche Note verlieh, mit seinen Luther-Bildern dem Reformator ein prägendes Gesicht gab und so zum künstlerischen Propagandisten der neuen religiösen Bewegung wurde.
Lucas Cranach der Ältere (1472 – 1553) zählt zu den wichtigsten Vertretern der deutschen Renaissance, einer Zeit, die sich im Umbruch befindet. Die katholische Kirche verliert durch das Aufkommen der reformatorischen Bewegung den Alleinvertretungsanspruch über den richtigen Glauben, aber auch über die Deutungshoheit in anderen Bereichen. Wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen immer an Bedeutung, und viele Mächtige lassen sich mehr und mehr von der schon fast vergessen scheinenden Kultur der Römer und Griechen beeinflussen. Darüber hinaus entsteht ein neues Menschenbild. Der Mensch erkennt sich als eigenes Wesen jenseits von Gott und Kirche. Das macht sich auch in der Kunst bemerkbar. Die Darstellungen von Personen zeichnen sich durch eine große Individualisierung, aber auch durch eine verbesserte Technik aus, die sich am anatomischen Wissen orientiert.
Die Ausstellung in Düsseldorf nimmt den berühmten Wittenberger Maler, der ein enger Freund Martin Luthers war, in seiner Ganzheit und Modernität in den Blick. Über200 Werke, unter anderem aus dem Metropolitan Museum of Art in New York, der National Gallery in London oder dem Nationalmuseum Stockholm wurden in Düsseldorf mit eigenen Sammlungsstücken ergänzt. Den Besucher erwarten hochkarätige Leihgaben wie „Venus und Cupido“ aus der Eremitage, St. Petersburg oder die beeindruckende Vereinigung der überlieferten Teile des sogenannten Prager Altars.
Aufgeteilt ist die Ausstellung in unterschiedliche Themenbereiche. Sie zeigt Lucas Cranach den Älteren zum einen als traditionellen Hofkünstler, der vor allem für Friedrich III den Weisen, den Kurfürst von Sachsen, einen der führenden adeligen Vertreter des protestantischen Glaubens, tätig war. Er malt ihn unter anderem mit den Heiligen Katharina und Barbara, um seine besondere Stellung im damaligen Machtgefüge, und vor allem seine Nähe zu Gott, deutlich zu machen. Die beiden Heiligen gehören zu zwei von insgesamt 14 Nothelfern, die von Gott gesandt dem Menschen zur Seite stehen.
Die maßgebliche Rolle Cranachs bei der Verbreitung der Reformation wird durch die zahlreichen Porträts von Martin Luther, dem Begründer der Reformation, und seiner Frau Katharina von Bora deutlich, aber auch durch ein Bild, das die Rechtfertigungslehre von Martin Luther illustriert. Mit Motiven aus dem Alten und dem Neuen Testament macht er deutlich, dass der Mensch nicht durch eigene Taten Gottes Gnade erfahren kann, sondern nur durch Gott, der Gnade gewährt.
Ein weiterer Schwerpunkt sind natürlich die religiösen Bilder. In auch technisch hervorragender Weise schildert er auf 14 Bildern in Holzschnitztechnik die Passion Christi, zeigt Jesus nicht als unnahbare Figur, sondern als eine dem Menschen zugewandte Person, und verleiht Werken wie der Madonna mit Kind eine so lebensechte Darstellung, wie sie sonst kaum bei Künstlern seiner Zeit zu finden ist. Eines der Madonna mit Kind-Motive zeigt so deutlich die Sorge beider um das bevorstehende Schicksal des Jesus-Kindes, dass es den aufmerksamen Betrachter berührt. Eines der Höhepunkte dieses Themenbereichs ist die lebensgroße Darstellung von Adam und Eva
Beeindruckend sind auch die Frauen-Porträts. Sie wirken sinnlich und verführerisch, aber auch angsteinflößend. Paradebeispiele dafür sind Lucretia mit dem Dolch in der Hand, um Selbstmord zu begehen, Venus und Cupido und natürlich Judith mit dem abgeschlagenen Haupt des Holofernes. Bei Cranach ist von Weibermacht und Weiberlist die Rede. Das Bild der Frau bleibt zwiegespalten. Einerseits wird sie als kraftvolle, selbstbewusste und damit moderne Figur dargestellt, andererseits bereitet sie durch ihre Verführungskünste unausdrückbare Furcht.
Interessant ist auch der Einfluss Cranachs auf die künstlerische Moderne. Seine Motive finden sich unter anderem bei Werken von Otto Müller, Pablo Picasso, Otto Dix, Paul Wunderlich und Andy Warhol.
Neueste kunsttechnologische Forschungen und Archivrecherchen geben faszinierende Einblicke in die tägliche Praxis des produktivsten Malers der deutschen Renaissance. Gezeigt wird das immense Spektrum innovativer Bildlösungen und völlig neuartige Bildthemen, die Cranach im Spannungsfeld unterschiedlicher Glaubensvorstellungen entwickelte und die sich innerhalb kürzester Zeit über den europäischen Kontinent verbreiten.
Die Ausstellung lädt nicht nur zu einer großartigen Bilderschau, sondern auch zu einer Zeitreise in die florierende Werkstatt des Malers ein. Vermittelt werden spannende Einblicke in die künstlerischen Prozesse bei der Entstehung der Gemälde. Dank modernster Technik werden unter der Malschicht verborgene Unterzeichnungen für die Besucher erschlossen. Neueste Forschungsergebnisse geben unter anderem Auskunft über den Reichtum an verwendeten Malmaterialien und die Arbeitsweise des Künstlers.

Andreas Meistermann

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